Sonntag, 11. Mai 2008
Knirschen
Es ist fünf Uhr in der Früh, als F06082098ELA ihr Etagenbett verlassen muss. In grosser Eile erledigt sie das übliche Morgenprozedere, um in der Esshalle nicht übermässig lange anstehen zu müssen. Schon nach zehn Minuten löffelt sie wie eine Maschine ihren Vitaminbrei. Mit einer fast beängstigenden Kontinuität führt sie in regelmässigen Abständen das silberne Werkzeug in ihren Mund und wieder zurück in die hellblaue Schale.

"Mit meiner Leistung gestern war der Vormensch sehr zufrieden, denke ich" sagt Tischnachbar M09122097UMU.
"Glaubst du ernsthaft, dass dich das weiterbringt? Kennst du persönlich einen Untermenschen, der es tatsächlich in die Vorwelt geschafft hat?"
"Nein. Nein ich kenne keinen. Aber ich glaube dass man es schaffen kann. Mit einer grossen Leistung schafft man es."
F06082098ELA, der Einfachheit halber von ihren befreundeten Untermenschen ELA genannt, schüttelt den Kopf und verzieht ihre Stirn zu einer hügeligen Landschaft. "Durchschaust du ihre Taktik denn nicht? Sie wollen uns auf diese Weise doch nur zu übermässigen Leistungen bringen! Wir können nicht in die andere Gesellschaft aufsteigen, es ist unmöglich! Wir wurden als Untermenschen geboren und werden als solche sterben."
UMU lässt seinen Blick auf einem länglichen Riss in der Tischplatte verharren. Dann öffnet er den Mund, als wollte er etwas mitteilen. Doch erst etwa zehn Sekunden später folgt die Antwort. "Nein. Es ist meine einzige Hoffnung, quasi mein einziger Halt in einem schwerelosen Raum. Wenn ich ihn verliere, dann schwebe ich ziellos in der Leere, ohne Anfang und ohne Ende. Ich will daran glauben und ich will es schaffen. Ich werde es schaffen."
ELA lässt den Löffel ein letztes Mal zwischen ihren Lippen verschwinden, bevor sie ihn zurück in die Schale legt und das Geschirr von sich wegschiebt. "Wie stellst du dir das vor? Auch wenn du die grösste Leistung von allen vollbringst, hast du nicht das Aussehen eines Vormenschen. Du bist klein, deine Nase entspricht nicht einer Ästhetiknorm und deine Kieferknochen sind nicht ausreichend markant. Der glückliche Zufall hat bei dir nicht zugeschlagen. Es wären etliche Ästhetikmassnahmen erforderlich, um aus dir auch nur den geringsten Anschein eines Vormenschen herauszuholen."
"Ich weiss. Aber wenn ich es geschafft habe, werden sie für mich sorgen. Sie werden mir die Operationen zahlen. Da bin ich mir sicher."
ELA umfasst mit ihren abgenutzten Händen die Schale, nimmt sie zu sich und steht auf. "Na dann wünsche ich dir eine gute Leistung heute."
"Danke ELA. Wünsche ich dir auch."
Beim Verlassen der Platzes murmelt sie leise etwas von "nutzlosen Massnahmen" und "Blauäugigkeit", doch UMU hört nicht zu und vertieft sich lieber in die Nahrungszufuhr.

Draussen knirscht der zugefrorene Moosteppich bei jedem Schritt. ELA betrachtet den Lichterdom auf der anderen Seite. Nur zu gerne wäre sie jetzt da. Vor drei Jahren durfte sie einmal in einem gläsernen Wagen das grosse Leben der Vormenschen bestaunen. Eingepfercht neben 86 weiteren Untermenschen fuhr das Vehikel den sauberen Strassen entlang. Eine Attraktion folgte auf die nächste. Die Insassen konnten mit grossen Augen die künstliche Schönheit der Vormenschen bewundern. Von aussen jedoch waren die Scheiben verspiegelt. Es wäre eine Zumutung für die Stadtbewohner, das unästhetische Gesindel erblicken zu müssen. So vollendete der Bus seine Runde, um die Insassen nach einer Stunde wieder auf der anderen Seite abzuladen. Es folgte die Ansprache eines Vormenschen, dass es mit ausserordentlicher Leistung jeder schaffen könne. ELA glaubte es schon damals nicht.
Sie glaubt es auch jetzt nicht. Mit grossen Schritten macht sie sich auf den Weg zur Leistungsstätte. Das Knirschen tönt wie eine traurige Symphonie. Ein ganz normaler Tag hat begonnen.


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